ZINSPILOT Interview mit Stefan Erlich

Teil 1 unseres Interviews mit Stefan Erlich, Inhaber des Bewertungsportals Kritische Anleger

Stefan Erlich leitet die Redaktion von Kritische-Anleger.de, einem Vergleichs- und Bewertungsportal für Geldanlagen und andere Finanzprodukte. Neben ausführlichen Vergleichen und Testberichten setzt sich Kritische Anleger vor allem durch die zahlreichen Erfahrungsberichte bestehender Kunden sowie die praxisorientierten Echtgeld-Tests von anderen Portalen ab.

ZINSPILOT: Guten Tag Herr Erlich! Mit welchem Ziel haben Sie 2012 das Portal Kritische Anleger gegründet? 

Stefan Erlich: Mich hat damals im Rahmen meiner privaten Geldanlage gestört, dass die großen Vergleichsportale eigentlich nur die Anlageprodukte in ihren Vergleichen listen, die ihnen Provisionen einbringen. Das ist einerseits verständlich, schließlich sind Vergleichsportale auch nur profitorientierte Unternehmen. Andererseits ist das ärgerlich, weil Anleger dadurch viele interessante Angebote verpassen. Das wollte ich mit Kritische-Anleger.de ändern. Entsprechend finden Anleger bei uns auch Banken wie die Ziraat Bank, die Akbank oder die Bank11, die zum Teil sehr interessante Zinsen bieten, gleichzeitig aber nicht bei unseren Konkurrenten zu finden sind.

ZINSPILOT: Wie viele Personen erreichen Sie pro Monat mit Kritische Anleger und wie sieht der typische User aus?

Stefan Erlich: Wir erreichen über unser Portal derzeit pro Monat etwa 150.000 bis 200.000 Leser. Zusätzlich versenden wir jeden Monat an etwa 24.000 Abonnenten unser kostenloses Anleger-Update. Damit sind wir sicher kein Mini-Portal mehr, aber gleichzeitig noch weit von den großen Branchengrößen entfernt. Das ist aber auch ganz gut so. Wir wollen lieber etwas kleiner und feiner bleiben als auf Masse zu setzen.

Unser typischer Nutzer ist der eher konservativ anlegende Schwabe mittleren bis höheren Alters, der ein Vermögen im unteren bis mittleren sechsstelligen Bereich angespart hat. Er hält eigentlich nicht viel von Aktien und investiert daher primär in Tages- und Festgeld, fühlt sich gleichzeitig aber durch die Niedrigzinsen mehr und mehr in Richtung Aktien gedrängt. Etwa 70 % unserer Nutzer sind übrigens männlich, was leider das Klischee bestätigt, dass sich primär Männer mit dem Thema Finanzen beschäftigen - sehr schade!

ZINSPILOT: Worauf sollten Sparer bei der Anlage in ein Tages- oder Festgeld achten? 

Stefan Erlich: Ein spanischer Bürokollege erwähnte kürzlich, dass die Deutschen seiner Meinung nach sehr binär denken. Entweder etwas ist positiv oder es ist negativ - dazwischen gibt es oftmals keine Nuancen und Abstufungen. Diese Denkweise spiegelt sich meiner Erfahrung nach auch bei Tages- und Festgeld wider. Viele Sparer sind der Meinung, sie müssten nur die eine richtige Bank und das eine richtige Konto finden, das sicher ist. Tatsächlich gibt es aber so etwas wie “sicher” oder “unsicher” nicht. Vielmehr bewegen wir uns auf einer kontinuierlichen Sicherheitsskala, die nicht so klar definiert ist, wie die Ratingagenturen es darstellen.

Was also tun? Diversifikation ist das Stichwort! Sparer sollten auch bei einlagengesicherten Konten breit über viele verschiedene Banken und Länder streuen. So federt man mögliche Ausfälle ab und schläft viel ruhiger, auch wenn der Ausfall einer Bank und der zugehörigen Einlagensicherung extrem unwahrscheinlich wirken mag. Gerade sehr unwahrscheinliche Ereignisse haben es aufgrund ihrer möglichen Schadenshöhe in sich, wie die letzte Finanzkrise eindrucksvoll gezeigt hat. Mit Zinspilot und den zwei Konkurrenzplattformen gibt es in Deutschland mittlerweile sehr gute Möglichkeiten, um eine solche Diversifikation mit relativ wenig Aufwand zu erreichen.


Stefan Erlich von Kritische Anleger

ZINSPILOT: Nach welchen Kriterien werden bei Kritische Anleger Banken bewertet? 

Stefan Erlich: Wir schauen uns Banken in der Regel als Gesamtpaket an. Wer sind die Eigner (staatlich, nicht staatlich)? Was für ein Geschäft betreibt die Bank? Ist es kleinteilig diversifiziert oder investiert die Bank eher in wenige Großprojekte? Wie sieht zudem die Eigenkapitalausstattung aus und wie hat sich das Geschäft in den letzten Jahren entwickelt? Lässt sich daraus eventuell auf ein funktionierendes Geschäftsmodell schließen? Man gewinnt schnell einen guten Gesamteindruck, wenn man sich diese Faktoren anschaut.

Darüber hinaus schauen wir uns stets auch die zuständige Einlagensicherung an. Wie viel Geld hat sie zur Verfügung? Würde das Geld im Ernstfall reichen, um die Anleger der betroffenen Bank vollständig zu entschädigen oder müsste man erst neue Kapitalspritzen organisieren? In welcher Währung würden Anleger entschädigt? Könnte es zu Verlusten durch Wechselkursschwankungen kommen? Und wie solide haushaltet der Staat, der als letzter Retter in der Not einspringen könnte?

ZINSPILOT: Würde es Ihnen etwas ausmachen uns etwas zu Ihrer Geldanlage zu verraten?

Stefan Erlich: Ich verfolge einen recht simplen Anlageansatz und verteile mein Vermögen in etwa gleichen Teilen auf praktisch alle Anlageklassen, die es am Markt gibt. Das beinhaltet Tagesgeld, Festgeld, Crowdinvesting, Immobilien, Aktien (ETFs und Einzeltitel), Unternehmensanleihen, P2P-Kredite, Gold, Silber und sogar Kryptowährungen. Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht so charmant, weil er nicht darauf angewiesen ist, ein Anlagevehikel als sicher/unsicher bzw. rendite-/verlustträchtig einzuschätzen. Ich versuche einfach, den kompletten Markt abzubilden. Laufen Aktien schlecht, notieren dafür andere Sachen besser. Sind die Zinsen bei Tages- und Festgeld niedrig (wie aktuell), laufen dagegen Immobilien besonders gut. Es ist ein Portfolio, das sich insgesamt ausgleicht - so zumindest meine Vorstellung. Der Teufel steckt allerdings, wie so häufig, im Detail der praktischen Umsetzung und im relativ hohen Verwaltungsaufwand.

Mir fällt beim Thema Geldanlage immer wieder negativ auf, dass sowohl vermeintliche Experten als auch Anleger meinen, sie müssten sich für genau ein spezifisches Anlageprodukt entscheiden oder genau eine Anlageklasse empfehlen. Die einen propagieren ETFs auf den MSCI World als das Non plus ultra. Andere halten das für naiven Blödsinn und raten zu Tages- und Festgeld. Der nächste glaubt dagegen exklusiv an Betongold und baut fleißig an seinem Häusle. Ich glaube, dass keiner von diesen Menschen in dieser Exklusivität langfristig recht haben wird. Diversifikation ist auch hier das Mittel der Wahl. Die Natur macht uns dies eindrucksvoll vor. Nur wir Menschen glauben, wir könnten mit viel pseudowissenschaftlicher Analyse und Zahlenzauberei das eine beste Investment identifizieren. Dies ist aber unmöglich.

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