Teil 2 des ZINSPILOT-Interviews mit Stefan Erlich

ZINSPILOT: Die Deutschen sind seit jeher bekannt als Weltmeister im Sparen. Würden Sie sagen, dass sich dennoch das Sparverhalten der Deutschen in den vergangenen Jahren verändert hat?

Stefan Erlich: Das ist insgesamt schwer zu sagen, weil mir der Einblick in die Portfolios der Anleger fehlt und die mir bekannten Statistiken der Bundesbank mit Vorsicht zu genießen sind. Grundsätzlich würde ich aber schon sagen, dass sich mehr und mehr Menschen wieder an die Börse wagen und dort ihr Geld investieren. Das Ganze ist aber gefühlt noch ein sehr schwacher Trend und noch immer fließt ein Großteil des Geldvermögens in klassische Sparkonten und Produkte wie Lebens- und Rentenversicherungen.

Das Streben nach Sicherheit ist bei vielen Menschen übrigens größer denn je, primär getrieben durch die Niedrigzinsphase, die kein sonderlich positives Signal sendet. Vielen Anlegern ist durchaus bewusst, dass die heutige Situation absolutes Neuland ist und die Zinsen nur deswegen so niedrig sind, weil die Zentralbanken dadurch das Risiko eines finanziellen Kollapses, sowohl von Unternehmen wie auch Staaten, minimieren. Viele Menschen spüren aber, dass etwas nicht stimmt und versuchen daher, so sicher wie möglich anzulegen.

ZINSPILOT: Inwiefern haben die Angebote von Fintechs Einfluss auf das Anlageverhalten der deutschen Sparer?

Stefan Erlich: Um ehrlich zu sein, ist der Einfluss von FinTechs in Deutschland immer noch sehr gering. Mittlerweile im Mainstream angekommen, sind Anlagemarktplätze wie Zinspilot. Allerdings winken auch hier noch viele konservative Anleger ab, weil sie Anlagen im europäischen Ausland scheuen. Robo Advisor warten dagegen bis heute auf ihren großen Durchbruch. Die bisher angelegten Gelder sind im Vergleich zum gesamten Anlagevolumen immer noch erstaunlich gering. Dies gilt in gleichem Maße für Crowdinvesting, was zwar massiv an Popularität gewonnen hat, aber im Vergleich zum Gesamtmarkt immer noch ein Nischendasein fristet.

Insgesamt befürchte ich, dass es FinTechs auch in Zukunft schwer haben werden, sich im deutschen Anlagemarkt großflächig zu etablieren. Dies liegt an einer Kombination aus Risikoscheu, schlechter Darstellbarkeit der Angebotseigenschaften (“Was bitte ist ein Robo Advisor?”) und der Konzentration von Vermögen in den älteren Bevölkerungsschichten, die neuen Produkten eher skeptisch gegenüberstehen. Es ist denke ich bezeichnend, dass der Markt für Lebens- und Rentenversicherungen bis heute boomt, trotz aller Probleme mit diesen Produkten.

ZINSPILOT: Seit März 2016 liegt der Leitzins bei null Prozent. Experten rechnen damit, dass die Europäische Zentralbank allerfrühestens in der zweiten Hälfte 2019 den Zinssatz anheben wird. Wann vermuten Sie einen ersten Zinsschritt der EZB?

Stefan Erlich: Die Zinsanhebung wird ja nun schon seit Jahren nach hinten hinausgeschoben, weshalb es mich nicht wundern würde, wenn auch in 2019 nichts passiert. Meine Vermutung ist, dass die EZB Mini-Zinsanhebungen versuchen wird. Plötzlich wird dann aber der längst überfällige Wirtschaftsabschwung vor der Tür stehen, der erneute Zinssenkungen notwendig macht. Die EZB befindet sich in einer Sackgasse, aus der sie sich nicht ohne Schmerzen befreien kann. Irgendjemand wird für die vielen Schulden und aus dem Nichts gedruckten Euros bluten müssen. Die Frage ist nur wer und in welcher konkreten Form.

Ich bin mir sicher, dass wir früher oder später wieder höhere Zinsen sehen werden, allerdings ist das nicht zwangsläufig ein positives Szenario, weil dies viele Insolvenzen mit sich bringen wird. So etwas wird dann auch an den Märkten für einige Turbulenzen sorgen. Ich bin mir daher nicht sicher, ob wir uns als Privatanleger wirklich steigende Zinsen wünschen sollten.


Stefan Erlich von Kritische Anleger

ZINSPILOT: Und wie sieht Ihre Prognose für den deutschen Sparer aus: Bedeutet eine Erhöhung des Leitzinses automatisch eine Erhöhung der Sparzinsen?

Stefan Erlich: Nicht zwangsläufig, weil die EZB die Marktzinsen mit dem Leitzins ja nicht direkt steuern kann, sondern nur indirekt über die Incentivierung der Geschäftsbanken. Durch den Ankauf von Anleihen und anderen Wertpapieren kann sie aber sehr wohl direkt die Sätze am Markt beeinflussen, was sie ja seit einigen Jahren auch sehr fleißig tut. Würde sie aus ihrem Bestand nun z. B. Staatsanleihen verkaufen, könnte dies in der Tat zu einem Anstieg der Renditen führen und damit mittelfristig auch der Sparzinsen. Ich bezweifle allerdings, dass es zu einem solchen Szenario in größerem Stil kommt. Die europäische Politik wird viel Druck auf die EZB ausüben, um eine signifikante Erhöhung der Zinsen zu verhindern.

ZINSPILOT: Was denken Sie, wie wird sich die Erhöhung der Leitzinsen auf andere Anlageprodukte wie zum Beispiel Aktien auswirken?

Stefan Erlich: Klassischerweise würde man erwarten, dass bei steigenden Zinsen Aktien an Attraktivität verlieren, aber ich bin mir heute nicht mehr so sicher, ob das auch in Zukunft so sein wird. Man hat z. B. über Jahrzehnte hinweg beobachtet, dass sich Aktien und Anleihen gegenläufig bewegen, nur um dann im Zuge der großzügigen Geldpolitik unserer Notenbanken zu sehen, dass beide Anlageklassen parallel zueinander steigen.

Die Finanzmärkte folgen keinen fixen Regeln, insofern sind Prognosen immer eine schwierige Kiste. Auch deswegen bin ich ein großer Freund der Diversifikation über verschiedenste Anlageklassen hinweg. Gehen Aktien baden, weil der Leitzins steigt, so schadet mir das kaum, weil Aktien nur einen kleinen Teil meines Vermögens ausmachen und ich mit meinem konservativen Tages- und Festgeldkonten dann um so mehr Rendite mache.

Lieber Herr Erlich, wir danken Ihnen für das Gespräch! 

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