Finanzexperte Interview: Stefan Erlich von Kritische Anleger

Stefan Erlich im Gespräch mit ZINSPILOT über gute Renditen, Strafzinsen und die Zinsentwicklung in den kommenden Jahren.

Stefan Erlich leitet seit 2012 die Redaktion von Kritische-Anleger.de, einem Vergleichs- und Bewertungsportal für Geldanlagen. Dort vergleicht und testet er zusammen mit seinem Team neben Tages- und Festgeldern mittlerweile auch Crowdinvesting-Plattformen, die bei Anleger aufgrund der Niedrigzinsphase zunehmend auf Interesse stoßen - trotz des hohen Risikos. Vor der Gründung von Kritische-Anleger.de studierte Stefan an der Universität Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen und war später als Consultant in einer mittelständischen Umweltberatung tätig.

ZINSPILOT: Die Zinsen sind hierzulande seit Jahren auf Talfahrt. Deshalb resignieren deutsche Sparer zunehmend bei der Geldanlage. Was meinen Sie: Kann man auch in Zukunft mit Tages- und Festgeld noch eine gute Rendite erzielen? 

Stefan Erlich: Schaut man auf unseren Tagesgeldindex, so erkennt man deutlich, dass Anleger seit ca. Ende 2016 nach Abzug der Inflation keine positive Rendite mehr mit Tagesgeldkonten erwirtschaften konnten. Die Jahre davor war dies möglich, allerdings ist dies auf Basis längerer historischer Datenreihen keineswegs selbstverständlich. Bei Festgeld sieht die Sache noch etwas besser aus, aber generell muss man feststellen, dass Tagesgeld und Festgeld weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft sonderlich geeignet dafür war, besonders hohe Renditen zu erwirtschaften. Ja, die Zinsen waren früher höher, aber häufig war auch die Inflation höher als heute, sodass am Ende wenig von den höheren Zinsen übrig blieb. Tages- und Festgeldkonten bieten eine gewisse Grundverzinsung bei vergleichsweise hoher Sicherheit. Sie sind ideal zum Parken von Geld, das man in naher Zukunft auf jeden Fall braucht. Besonders hohe Rendten sollte man von dieser Anlageform aber generell nicht erwarten.

Wenn es um die reinen Nominalzinsen geht, also die Tagesgeldzinsen ohne Berücksichtigung der Inflation, so glaube ich, dass die Zentralbanken alles in ihrer Macht stehende dafür tun werden, um diese weiterhin niedrig zu halten oder im Falle eines Wirtschaftsabschwungs sogar weiter nach unten zu drücken. Die Kombination aus extrem hohen Schuldenbergen und der Angst vor einer Rezession mit Jobverlusten und sozialen Unruhen ist bei den Verantwortlichen groß. Man wird aus meiner Sicht sehr kreativ werden, wenn es hart auf hart kommt, um den weiteren Niedrigzinskurs zu rechtfertigen. Das heißt aber nicht, dass die Zinsen ewig niedrig bleiben werden. Ich bin davon überzeugt, dass wir früher oder später wieder (deutlich) höhere Zinsen sehen werden. Ich befürchte allerdings, dass eine solche Wende nicht so sanft und angenehm verlaufen wird, wie man sich das als Anleger vorstellt. Wir stecken mit unserer Finanz- und Wirtschaftspolitik in einem Dilemma, aus dem es keinen schmerzfreien Ausweg gibt. Die gute Nachricht ist: Die Welt wird nicht untergehen und wir werden auch in ein paar Jahren noch genüsslich unseren Frühstückskaffee schlürfen dürfen. Ebenso werden auch Tages- und Festgeldkonten wieder höhere Zinsen sehen. Wann genau das sein wird, ist aber unmöglich zu prognostizieren.

ZINSPILOT: Immer mehr große Banken in Deutschland sprechen sich für die Einführung von Strafzinsen aus. Somit werden zukünftig sowohl Firmen- als auch Privatkunden Negativzinsen auf ihre Geldeinlagen zahlen. Gehören Strafzinsen für deutsche Sparer bald zum Alltag?

Stefan Erlich: Darauf muss man sich leider einstellen ja, denn das Thema wird noch akuter werden, wenn die EZB sich mit einem Wirtschaftsabschwung konfrontiert sieht. Gerade bei relativ kleinen Guthaben sind diese Strafzinsen aber bisher so gering, dass man sie eigenltich ignorieren kann. Schwieriger wird es für Anleger mit besonders üppigen Bankguthaben. Hier bleibt nur der stete Kontowechsel, um Negativzinsen zu vermeiden. Aufwand und Nutzen sollten dabei aber in einem gesunden Verhältnis stehen. Noch gibt es erfreulicherweise genug Optionen, um auch größere Guthaben mit einer kleinen positiven Verzinsung sicher zu parken. 

ZINSPILOT: Die Zinsentwicklung wird vor allem vom Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) beeinflusst. Wie beurteilen Sie die Zinsentwicklung der EZB in den nächsten Jahren? Wie sieht Ihre Zinsprognose für den kurz- bis mittelfristigen Ausblick (1-3 Jahre) und für den längerfristigen Ausblick (10 Jahre) aus?

Stefan Erlich: Ich tue mich generell schwer mit zeitlich exakten Prognosen, denn selbst renommierte Experten angesehener Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) oder auch der EZB liegen regelmäßig erschreckend weit daneben, wenn es um die Prognose von Wirtschaftswachstum, Zinsen und Inflation geht. Wer hätte nach der letzten großen Finanzkrise vor etwas über 10 Jahren gedacht, dass wir einen solchen Aktienboom, Wirtschaftsaufschwung und gleichzeitig kontinuierlich sinkende Zinsen erleben würden. Meine persönliche Meinung ist, dass die zukünftige wirtschaftliche und finanzpolitische Entwicklung von einem Ereignis beeinflusst sein wird, das aktuell noch niemand auf dem Schirm hat (z. B. extreme Regenfälle oder Dürre, rasche Ausbreitung neuer Krankheitserreger, überraschende kriegerische Auseinandersetzungen). Dies wird auch Auswirkungen auf die Zinsentwicklung haben. Was das genau sein wird? Niemand weiß es! Und auch hier gilt: Keine Panik auf der Titanik! Wirtschaftsabschwünge, Crashs und gesellschaftliche Veränderungen waren schon immer Teil der Menschheit. Was auch immer da kommen wird, es wird uns nicht umbringen. Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich für in 10 Jahren definitiv höhere Zinsen als heute erwarten. Gleichzeitig muss man sich aber auch immer wieder in Erinnerung rufen, dass solch tiefgreifende Veränderungen manchmal sehr lange auf sich warten lassen.

ZINSPILOT: Zum Schluss des Interviews noch ein Fazit: Welchen Rat geben Sie deutschen Sparern im Hinblick auf die Zinsentwicklung mit?

Stefan Erlich: Zunächst einmal möchte ich beruhigen. Lassen Sie sich nicht von den aktuell besonders zahlreichen Crash-Propheten und Verfechtern von Untergangsszenarien zu Schnellschüssen verleiten. Die Welt wird weder morgen noch übermorgen untergehen. Niemand kennt die Zukunft und entsprechend vorsichtig sollte man mit den häufig geäußerten Prognosen und Empfehlungen umgehen. Fragen Sie sich dabei stets, wer eigentlich dafür haftet, wenn die abgegebenen Prognosen nicht eintreten und Sie Geld verlieren.

Ich bin ein großer Verfechter von Diversifikation und rate Anlegern immer dazu, die eigene Geldanlage vor allem darauf auszulegen, stets handlungsfähig zu bleiben. Dazu gehört ein großzügiger Puffer auf Tages- und Festgeldkonten, ein langfristiger Speicher für die Altersvorsorge in Form von Exchange Traded Funds (ETFs) und darüber hinaus vor allem die Stärkung der eigenen Erwerbs- und Arbeitskraft. Vermögen bildet sich nur sehr selten durch Geldanlage, sondern primär durch harte Erwerbsarbeit. Die eigene Immobilie kann zum Vermögensportfolio gehören, muss es aber nicht. Oftmals ist sie mehr eine Frage des Lifestyles als eine der attraktiven Rendite. Hat man sich ein Portfolio aus Tagesgeld, Festgeld, ETFs, Immobilie und vielleicht auch noch einem Hauch physischem Gold und Bitcoins zusammengestellt, kann einem die Zinsentwicklung fast schon egal sein. Mal läuft die eine Anlageklasse gut, mal die andere. Insgesamt werden Sie damit wahrscheinlich ohne größere Blessuren durch die Zukunft kommen. Zu glauben, man könne sein Geld über die Jahre stets so geschickt umschichten, dass man immer in die attraktivste Anlageklasse investiert, ist eine Illusion, ebenso wie die Erwartung, morgen würden die Zinsen wieder deutlich steigen, ohne dass dies zu wirtschaftlichen Verwerfungen führt.

 

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